VDB - Verein Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare

Mitteilungsblatt Nr. 10 (1997) des VDB-Landesverbandes Baden-Württemberg

Ein bibliothekarisch wenig erfreuliches Jahr geht zu Ende. Alle Bibliotheken waren, wenn auch in unterschiedlich starkem Umfang, von den Sparmaßnahmen der Landesregierung betroffen. Am schlimmsten traf es die beiden Landesbibliotheken, die dank "Globaler Minderausgabe" und "Betriebsmittelkürzung" seit April diesen Jahres keine Monographien mehr kaufen konnten und hunderte von Zeitschriftenabonnements kündigen mussten. Die Benutzer der Badischen Landesbibliothek haben gegen diesen Missstand 1300 Unterschriften gesammelt. Die Studenten an den Universitäten streiken. Den Bibliotheken werden Mittel in Aussicht gestellt. Der Blick auf das nächste Jahr stimmt dennoch nicht optimistisch.

Elektronische Fernleihe und Dokumentlieferung - das zentrale Thema der Fortbildungsveranstaltung in Oberwolfach vom 24. 11. bis 28.11.1997

Die alle zwei Jahre im Mathematischen Forschungsinstitut Oberwolfach-Walke stattfindende interne Fortbildung der wissenschaftlichen Bibliotheken des Landes Baden-Württemberg widmete die diesjährige Veranstaltung dem Thema "Elektronische Fernleihe und Dokumentlieferung". Das Programm sah Vorträge, Gruppenarbeit und Plenumsdiskussionen vor. In einer einführenden Gesprächsrunde wurden die zentralen Probleme der traditionellen Fernleihe ergründet und anschließend in Arbeitsgruppen weiter bearbeitet. Neben weiteren Bereichen kristallisierten sich drei Problemkreise heraus:

  • zu lange Lieferzeit
  • Benutzerschulung
  • mangelnde Transparenz.

Über die Nutzung bibliographischer Ressourcen aus dem Internet informierte Herr Hilger vom BSZ Stuttgart. In einer Zusammenstellung präsentierte er alle wichtigen im Internet verfügbaren Kataloge. Herr Professor Dr. Maier von der HBI in Stuttgart leitete mit seinem Vortrag "Was erwarten Benutzer von den Bibliotheken hinsichtlich Fernleihe und Dokumentlieferung" zur elektronischen Dokumentlieferung über. Er überraschte mit der Feststellung, dass beim Kunden nicht die Schnelligkeit der Bearbeitung an erster Stelle steht, sondern die Transparenz des Liefersystems. Aus anderem Blickwinkel wurde die Erwartungshaltung an die Fernleihe am Abend in kleinen Gruppen mit den Fragen

  1. was erwarten Fernleihbibliothekare von ihren Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Bibliotheken und
  2. was erwarten die Bibliothekare von den Benutzern

aufgegriffen.

Der Mittwoch stand ganz im Zeichen der Dokumentliefersysteme. Die Verfasserin berichtete über LEA, das Lokale Elektronische Dokumentliefersystem der UB Karlsruhe, das die Mitarbeiter der Universität kostenlos mit Zeitschriftenaufsätzen beliefert, und stellte als weitere Punkte dieses Themenblocks die Bund-Länder-Initiative SUBITO sowie das älteste Dokumentliefersystem in Deutschland TIBORDER der Technischen Informationsbibliothek Hannover vor. Frau Dreisiebner-Bienert von der UB Mannheim berichtete über DBI-Link und Herr Dr. Hüning von der UB Tübingen übermittelte die Erfahrungen einer SSG-S-Bibliothek. Durch das System JASON führte Herr Müllenbruck von der UB Trier, und Frau Scholz von der WLB Stuttgart stellte ihre umfassenden Untersuchungen zu Gauss und Uncover vor. Mit praktischen Übungen zur Vertiefung der einzelnen Systeme wurde die Vortragsreihe abgerundet.

Die jeweiligen Fernleihverwaltungssysteme der in Oberwolfach vertretenen Bibliotheken wurden am Donnerstag unter die Lupe genommen. Dazu berichteten Frau Brandl, WLB Stuttgart, über die Fernleihverwaltung unter dem System OLAF, das zur Zeit sechs Großbibliotheken einsetzen, Herr Herrmann über das System BIBDIA der UB Freiburg, Frau Nothnagel über OLIX der UB Karlsruhe, Herr Müllenbruck über BABSY der UB Trier und Frau Kuon über das Konstanzer KOALA-System. In der anschließenden Diskussion wurden Befürchtungen laut, das künftige landeseinheitliche Lokalsystem könne die spezifischen Bedürfnisse der Ferleihverwaltung nicht entsprechend abbilden.

Den Abschluss der Tagung bildete ein Vortrag von Frau Dr. Eckes, UB Heidelberg, in dem sie der Frage nachging, ob die Selbstbedienung der Benutzer bei der Dokumentlieferung eine Chance oder eine Gefahr für die Bibliotheken bedeuten müsse.

Resümierend kann festgehalten werden: Die Dokumentliefersysteme bereichern das Dienstleistungsspektrum der Bibliotheken, die dem Kunden ein differenzierteres Angebot anbieten können. Ferner wurde von den Tagungsteilnehmern der Wunsch geäußert, eine landesweite Fernleihtagung jährlich auszurichten, um den gegenseitigen Kontakt zu verbessern. Auch um eine großzügige Auslegung der Leihverkehrsordnung wurde gebeten, so dass zum Beispiel auch Präsenzbestände kurz außer Haus gegeben werden können.

Herrn Dr. Franken, leitender Direktor der UB Konstanz, der die gelungene und interessante Tagung leitete, sei besonders für die mitgebrachte technische Ausrüstung für die praktischen Übungen gedankt.

Diana M. Tangen, UB Karlsruhe

Landesverbandsmitglieder besichtigten DDB-Neubau

Dass das am 14. Mai offiziell eröffnete neue Gebäude für Die Deutsche Bibliothek zum wichtigsten Bibliotheksneubau der neunziger Jahre werden würde, war unschwer vorauszusehen. Dass dieser Neubau zugleich die "schrittweise Transformation der Bibliothek in die digitale Informationsgesellschaft" (Lehmann) umsetzten würde, stand ebenfalls fest. Neugier auf Architektur und Technik des neuen Domizils an der Adickesallee führten deshalb knapp 20 Mitglieder des VDB-Landesverbandes Baden-Württemberg am 13. Juni nach Frankfurt.

Nach der Begrüßung durch den Leiter der Erwerbungsabteilung, Herrn Dr. Bertold Picard, der insbesondere über Fragen der Pflichtexemplarablieferung informierte, konnten sich die Teilnehmer bei einer leider eher knappen Führung durch Benutzungsbereiche und Magazine einen ersten Eindruck verschaffen. Sie fanden bestätigt, dass der vor allem von Beton, Glas und Naturstein geprägte Bau in erster Linie den Forderungen nach Übersichtlichkeit und Zweckdienlichkeit entgegenkommt. Den Benutzern scheint er ideale Arbeitsmöglichkeiten zu bieten. Die nach dem Umzug sprunghaft in die Höhe geschnellte Benutzung zeigt die große Akzeptanz. Daran wird sich sicherlich auch nach Einführung einer Jahresbenutzungsgebühr von 30,- DM nichts ändern. Dass Die Deutsche Bibliothek für die Zukunft gerüstet ist, belegen die Kapazität der Magazine, die bis zum Jahre 2035 reichen soll, und die Option auf ein Grundstück vis-à-vis der Bibliothek. Die Besichtigung klang im Restaurant "Piazzetta" aus, das Mitarbeitern und Benutzern offensteht und einen preiswerten Mittagstisch in angenehmem Ambiente bietet.

VDB-Geisteswissenschaftler blickten ins Internet

Speziell an die Zielgruppe der Geisteswissenschaftler unter den Fachreferenten wandte sich eine Veranstaltung des VDB-Landesverbandes Baden-Württemberg am 19.September 1997 in der UB Karlsruhe. 15 Kolleginnen und Kollegen hatten Gelegenheit, von zwei ausgewiesenen Fachleuten, Herrn Dr. Thomas Hilberer (ULB Düsseldorf) und Herrn Dr. Wilfried Enderle (SUB Göttingen) über die im Internet vorhandenen fachspezifischen Ressourcen exemplarisch unterrichtet zu werden.

Hilberer unterstrich eingangs die Bedeutung des Internets als Medium der Kommunikation und als Instrument zur Recherche sowie als Publikationsmedium und Mittel der Dokumentlieferung. Ausgehend von der Düsseldorfer virtuellen Bibliothek zeigte er beispielhaft die systematische und die geographische und die Suche mittels Suchmaschinen. Daneben gab er eine Fülle praktischer Hinweise weiter, die für Fachreferenten von Belang sein können.

Während Hilberer als Romanist vor allem auf die elektronisch verfügbaren literarischen Texte einging, wählte Enderle seine Beispiele aus dem Bereich der Geschichtswissenschaft. Er stellte einige virtuelle Fachbibliotheken, Linklisten und fachbibliographische Datenbanken vor, ging aber auch auf elektronische Textarchive, Zeitschriften, Fachlexika und weitere Nachschlagewerke ein.

Wie filtert der Fachreferent aus (geschätzt) 150 Millionen Webseiten die fachlich brauchbaren bzw. wissenschaftlich wertvollen heraus? Die Sammlung und Aufbereitung der Internetressourcen ist eine langfristig zu leistende Aufgabe, die deshalb eher von Bibliothekaren als von Fachwissenschaftlern sichergestellt werden kann. Allerdings erfordert sowohl die systematische und konsequente Suche als auch die qualitative Bewertung der angebotenen Informationen, die Erstellung von Linklisten und die laufende Überprüfung der aufgelisteten Adressen einen erheblichen Aufwand. Es kann deshalb nach Meinung der Workshopteilnehmer nicht sinnvoll sein, dass jeder Fachreferent diese Aufgabe im Alleingang löst. Notwendig ist vielmehr ein kooperatives Vorgehen, wobei den Sondersammelgebieten eine besondere Rolle zufallen könnte.

Neues aus dem VDB-Vereinsausschuss

Das Thema Ausbildung der Bibliothekare des höheren Dienstes wird zu einem Dauerthema auf den Sitzungen des Vereinsausschusses des VDB, so auch bei der Herbstsitzung am 6./7. November 1997 in der Bibliotheksschule in Frankfurt/Main. Hintergrund ist die fehlende Ausbildung in einigen neuen Bundesländern, der angedachte Verzicht auf die Ausbildung in Schleswig-Holstein, die mögliche Verlagerung der Ausbildung in Nordrhein-Westfalen, die drohende Abwickelung des Studienganges Bibliothekswissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin usw.

Außerdem diskutierte der Vereinsausschuss die von VDB-Mitglied Dr. Helmut Oehling (UB Stuttgart) verfassten 12 Thesen zur Zukunft des Fachreferenten, die zum Teil auch in den Landesverbänden zur Diskussion gestellt werden. Sie geben die Meinung ihres Verfassers wieder, nicht die des Vereinsausschusses. Oehling sieht die primäre Legitimation des Berufes des wissenschaftlichen Bibliothekars in dessen Aufgabe als Fachreferent. In dieser Rolle ist er nicht substituierbar. Zwingend erforderlich ist die Erweiterung des bisherigen Aufgabenspektrums um die aktive Fachinformation, die nur bei engem Kontakt zu Wissenschaft und Forschung geleistet werden kann.

Ausführlich ließ sich der Vereinsausschuss (gemeinsam mit dem VdDB-Beirat) über das Vortrags- und das Begleitprogramm des nächsten Bibliothekartages in Frankfurt durch das Ortskomitee informieren. Die Vorbereitungen durch die Mitarbeiter der Stadt- und Universitätsbibliothek und Der Deutschen Bibliothek und durch die Vertreter der Vereine lassen einen gut organisierten und inhaltlich vielseitigen Bibliothekartag erwarten, dessen Besuch sich auch unter "touristischen" Aspekten lohnen wird. Während der Ort des Bibliothekartages 1999 mit Freiburg feststeht, wird für den Kongress im Jahre 2000 noch ein Austragungsort auszuwählen sein. Der VDB würde gerne das Angebot aus München annehmen.

Im Vorfeld der Vereinsausschusssitzung trafen sich die Vorsitzenden der Landesverbände zu einem Gespräch mit dem Vorstand, der sich künftig intensiver um die Arbeit "an der Basis" kümmern will und deshalb den jeweiligen ersten stellvertretenden Vorsitzenden zum Landesverbandsbeauftragten ernannt hat. Die Arbeit der Landesverbände soll gestärkt werden. Deshalb stellt der Verein zur Unterstützung der Aktivitäten der Landesverbände zusätzliche Mittel bereit, die beispielsweise zwecks Finanzierung von Fortbildungsveranstaltungen auf Antrag abgerufen werden können.

Landesverbandstagung 98 in Rottenburg

Auf Einladung der Diözesanbibliothek findet die nächste Jahresversammlung des VDB-Landesverbandes Baden-Württemberg am Freitag, den 24. April 1998 in Rottenburg statt. Damit werden wir nach längerer Zeit mal wieder Gast einer wissenschaftlichen Spezialbibliothek sein. Dieses Thema wird uns auch in Rottenburg beschäftigen. Weitere Themenvorschläge sind erwünscht!

Auf der Jahresversammlung wird der Vorstand des Landesverbandes neu gewählt. Der bisherige Vorstand kandidiert nicht mehr. Wahlvorschläge sind willkommen!

Der Vorstand des VDB-Landesverbandes Baden-Württemberg wünscht allen Kolleginnen und Kollegen frohe Weihnachten und ein erfolgreiches neues Jahr.