VDB - Verein Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare

Notizen zur Geschichte des VDB

Auf dem ersten Bibliothekartag 1900 in Marburg fand nach dreijähriger Vorbereitungszeit die Gründungsversammlung eines eigenständigen Vereins der deutschen wissenschaftlichen Bibliothekare statt. Das erklärte Ziel dieses Zusammenschlusses von Personen war neben der Interessenvertretung seiner Mitglieder vor allem die Sacharbeit im Sinne einer Förderung des Bibliothekswesens.

Die Gründung des VDB fiel zusammen mit der Herausbildung des Berufsbibliothekars in Deutschland. Bereits 1897 war eine "Sektion für Bibliothekswesen" innerhalb des deutschen Philologenverbandes entstanden, die in Dresden eine erste deutsche "Bibliothekarversammlung" abhielt. An der Gründung eines eigenständigen Verbandes waren führende Bibliothekare der Zeit beteiligt. Wortführer waren K. Dziatzko (UB Göttingen) und W. Erman (UB Berlin). Letzterer legte 1899 einen Satzungsentwurf vor und hielt das Grundsatzreferat über "Vorschläge wegen Gründung eines Vereins der Bibliothekare Deutschlands". Begründet wurde der Verein mit 58 Mitgliedern; bei der zweiten Versammlung 1901 in Gotha waren es bereits 210. Der Mitgliedsbeitrag betrug 3 Mark.

Verbindendes Organ, jedoch niemals Organ des VDB, war das 1884 geschaffene Zentralblatt für Bibliothekswesen. Darin wurden die Vorträge und Diskussionen der jährlich in der Woche nach Pfingsten stattfindenden Bibliothekartage veröffentlicht, die vielfach auf die Arbeit in den bald nach der Gründung geschaffenen Kommissionen und Ausschüssen zurückgingen. So gab es vor dem Ersten Weltkrieg solche für Statistik (seit 1900), Rabattfragen (1902), Amtliche Drucksachen (1906), Verwaltungspraxis (1910), einheitliche Katalogisierung (1911) und Zeitungen (1913).

Sichtbarster Ausdruck für die geleistete Sacharbeit war das Jahrbuch der Deutschen Bibliotheken, das erstmals 1902 erschien mit einem Bibliothekenteil, einem Verzeichnis der Bibliothekare und der Statistik der Bibliotheken. Bis zur Schaffung der Deutschen Bibliotheksstatistik war das Jahrbuch die wichtigste Quelle für statistische Angaben über die wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland.

Bei der ersten Versammlung von Bibliothekaren im Rahmen der Philologenvereinigung sprach Dziatzko über "Generalkatalogisierung" und die Ausdehnung des preußischen zu einem deutschen Gesamtkatalog. Dieses Thema blieb für Jahrzehnte bestimmend. Doch standen anders als heute Bibliotheksgeschichte und Buchkunde eindeutig im Vordergrund. Weniger bedeutsam waren Ausbildung, Verwaltung oder auch Technik. Standesfragen blieben unerörtert, bis 1921 ein Mitglied erklärte, dass es heute für Bibliothekare wichtiger sei, "sich selbst zu stützen statt immer neue Bücherstützen zu erfinden". In der Folge wurde eine entsprechende Kommission gegründet.

In den Notzeiten nach dem Ersten Weltkrieg rückten sowohl die Bibliotheken wie auch die Bibliothekare enger zusammen. Schon damals hatte der VDB über 600 Mitglieder. Die Sacharbeit zielte trotz bestehender partikularistischer Interessen mehr denn je auf Zusammenarbeit. Folglich stand die Organisation des Leihverkehrs ganz im Vordergrund der Beratungen. Außerdem galt es, trotz des Mangels an Devisen die während des Krieges entstanden Lücken beim Erwerb ausländischer Literatur zu schließen. Dabei half vor allem die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, deren Präsident Friedrich Schmidt-Ott, ein langjähriger Mitarbeiter Friedrich Althoffs, Ehrenmitglied des VDB wurde.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und der nachfolgenden "Gleichschaltung" in Kultur und Wissenschaften nahm die Bedeutung der Bibliotheken rasch ab. Das gilt auch für die Wirksamkeit des VDB, wenngleich die Mitgliederzahl konstant blieb. In den Berichten über die Jahresversammlungen in dieser Zeit, besonders in Begrüßungsworten und Festreden, treten die Anpassungsbestrebungen deutlich zutage.

Als Zweiter Vorsitzender wurde 1933 der Obmann der nationalsozialistischen Gruppe innerhalb des VDB gewählt. Sechs von elf Mitgliedern des Vereinsvorstandes waren Mitglieder der NSDAP und wurden von der Mitgliederversammlung einstimmig gewählt. Ausgerechnet der Direktor der Rothschildschen Bibliothek in Frankfurt am Main hielt in Darmstadt einen Vortrag gegen "marxistische und erotische Asphaltliteratur". 1938 in Passau begrüßte der Berliner Ministerialreferent für das wissenschaftliche Bibliothekswesen die "Entfernung des Judentums aus dem Geistesleben des deutschen Volkes", und 1939 in Graz verstieg sich der Erste Vorsitzende Gustav Abb, Direktor der UB Berlin und gelernter Historiker, zu der Formulierung, nie zuvor habe es in der Weltgeschichte einen Umbruch gegeben, der "die Macht des Buches und der Bibliotheken klarer erkannt ... hätte als der Nationalsozialismus".

Das Ende jenes "geistigen Umbruchs" war auch das Ende für viele Bibliotheken. Erst 1948, nach Überwindung der elementarsten Schwierigkeiten, wurde der VDB wieder ins Leben gerufen. Dies geschah ohne größere Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und mit dem Anspruch der Interessenvertretung für das gesamte wissenschaftliche Bibliothekswesen.

Die Initiative zur Wiederbegründung ging von München aus. Der Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, Gustav Hofmann, fungierte für sieben Jahre als Vorsitzender. An Traditionen wie dem Jahrbuch und dem Bibliothekartag in der Pfingstwoche wurde festgehalten. Mit der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie verfügte der Verein über ein eigenes Publikationsorgan. Die Zielsetzung blieb unverändert, die Sacharbeit stand im Vordergrund. In zweitweise bis zu 16 Kommissionen wurden zentrale Themen behandelt wie Zentralkataloge und Leihverkehr oder Wiedereinrichtung des Druckzwanges für Dissertationen.

Mitte der fünfziger Jahre wurden Stimmen laut, die die Sacharbeit nicht für die Aufgabe eines Personalverbands hielten und der Interessenvertretung der Mitglieder Priorität einräumen wollten. Zweifel an der Zuständigkeit des VDB für die Sacharbeit der wissenschaftlichen Bibliotheken wurde auch dadurch geweckt, dass zunehmend andere Gremien sich bibliothekarischer Sachfragen annahmen. Zudem führte der stürmische Auf- und Ausbau der Bibliotheken seit etwa 1960 dazu, dass die Struktur und die wirtschaftlichen Mittel des Vereins den neuen Dimensionen nicht mehr gewachsen sein konnten. Es bot sich an, Bibliotheken als Korporative Mitglieder zuzulassen und dadurch die Unterhaltsträger stärker in die Finanzierung der Sachaufgaben einzubeziehen. Eine Satzungsänderung in dieser Richtung wurde aber 1969 von der Mitgliederversammlung abgelehnt.

Nach der Gründung des Deutschen Bibliotheksverbandes (DBV) 1973 wurden die Kommissionen, in denen bisher die Sacharbeit geleistet worden war, an die neue Organisation abgegeben. Der VDB konzentrierte fortan seine Aktivitäten auf ein breites Spektrum von Berufs- und Ausbildungsfragen, behielt aber bewusst in seiner Satzung die Zweckbestimmung, neben den beruflichen Interessen der Mitglieder auch das wissenschaftliche Bibliothekswesen zu fördern. Die Einengung der Aufgaben hat jedoch seiner wirksamen Rolle als bibliothekspolitischer Anreger und Koordinator, als Herausgeber des Jahrbuches und als Veranstalter - gemeinsam mit dem Berufsverband Information Bibliothek (BIB, ehemals Verein der Diplom-Bibliothekare an wissenschaftlichen Bibliotheken VdDB) - einer der großen bibliothekarischen Fortbildungsveranstaltungen keinen Abbruch getan.


Quelle: Zur Geschichte des Vereins Deutscher Bibliothekare. - In: Verein Deutscher Bibliothekare. - [Wiesbaden] : [Harrassowitz], [1993], S.1-4.