Sibylle Hermann, Bibliotheksservice-Zentrum Baden-Württemberg (BSZ)
Im Rahmen der BiblioCon 2025 entwickelte die Kommission für forschungsnahe Dienste in einem Hands-on-Lab Visionen für zentrale Arbeitsbereiche von Bibliotheken. Ausgangspunkt war der wachsende Innovationsdruck: neue Technologien, veränderte Bedürfnisse von Forschenden und verschobene Rollen im Wissenschaftssystem. Die Zukunftswerkstatt bot Raum, den Blick aus dem operativen Alltag zu heben und zu fragen, wie forschungsnahe Dienste aussehen könnten, wenn zentrale Ziele langfristig erreicht wären. Im Folgenden sind diese Erkenntnisse aus dem Workshop zusammengefasst und eingeordnet.
Im Bereich Open Access (OA) entwarfen die Teilnehmenden ein Szenario, in dem wissenschaftliche Publikationen vollständig Diamond-OA erscheinen: Verlage verlieren damit ihr bisheriges Geschäftsmodell und bieten stattdessen Publikationsinfrastrukturen und kuratierende Services an, die über Crowdfunding oder Konsortialmodelle finanziert werden. Fachspezifische Plattformen bilden die Basis des Publizierens; Bibliotheken kümmern sich nicht mehr um Einzelgebühren oder Lizenzverhandlungen, sondern konzentrieren sich auf redaktionelle Prozesse, Qualitätssicherung und Metadaten. Sie werden Expertinnen für digitale Langzeitarchivierung und betreiben resiliente Infrastrukturen.
Für das Forschungsdatenmanagement (FDM) entwarfen die Teilnehmenden eine Zukunft, in der Forschende selbstverständliche FDM-Kompetenzen besitzen und dieses Wissen in ihre Communities tragen: FDM-Personal ist verstetigt, begleitet disruptive technische wie rechtliche Neuerungen und entwickelt übergreifende Strategien. Data Stewards agieren an der Schnittstelle von Forschung und Infrastruktur. Ein modularer, disziplinübergreifender Metadatenstandard ermöglicht FAIR-Data-Praktiken. Die Forschungskultur verändert sich: Datenpublikationen gewinnen an Bedeutung, Metastudien nehmen zu, Replikationskrisen verlieren an Schärfe.
Die Bibliometrie wurde in dem entworfenen Szenario nicht länger primär als Bewertungsinstrument gedacht, sondern dient der Analyse von Forschungslandschaften, Trends und Vernetzungen. Bewertet werden vielfältige Publikationsformen – von Artikeln über Monografien bis zu Blogs. Bibliotheken positionieren sich als zentrale Expertinnen mit breitem Überblick über die Forschungsaktivitäten ihrer Einrichtungen. Sie verknüpfen Verwaltung, Forschungsförderung und wissenschaftliche Praxis und wirken aktiv in Initiativen wie DORA oder CoARA mit.
Die Rolle des Fachreferats erscheint in der Vision deutlich stärker in die Forschung eingebettet: Fachreferent:innen sind bekannte Ansprechpersonen und arbeiten eng in Projekten mit, ähnlich wie Data Stewards, jedoch mit einem stärkeren Fokus auf die Infrastruktur und die jeweiligen Fachkulturen. Sie beraten zu geeigneten Publikationswegen, unterstützen redaktionelle Prozesse und vermitteln bibliometrisches Wissen. Durch ihre Nähe zur Forschung geben sie Bedarfe direkt in die Infrastrukturentwicklung weiter und tragen zu strategischen Entscheidungen bei. Interdisziplinäre Offenheit und Methodenkompetenz werden wichtiger als traditionelle Fachgrenzen.
Ein weiterer Schwerpunkt war der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Bibliotheken übernehmen in dieser Vision eine aktive Rolle als Vermittlerinnen, Expertinnen und Regulatorinnen. Sie übersetzen Anforderungen des AI Acts in die Praxis und unterstützen Forschende beim reflektierten Einsatz von KI-Tools. Neben der Bereitstellung und transparenten Einordnung von KI-Diensten entwickeln sie Leitlinien für deren wissenschaftsadäquate Nutzung. Bibliotheken helfen bei systematischen Literaturrecherchen, integrieren KI-basierte Werkzeuge methodisch kontrolliert und erweitern ihre Services in Publikationsberatung, Schreibunterstützung, Datenanalyse und FDM. Grundlage ist eine robuste Dateninfrastruktur, die Text- und Data-Mining ermöglicht und digitale Sammlungen KI-fähig bereitstellt. So werden Bibliotheken nicht nur technische Dienstleister, sondern gestaltende Akteure im wissenschaftlichen Umgang mit KI.
Die Zukunftswerkstatt zeigte insgesamt, wie breit das Spektrum der forschungsnahen Dienste bereits heute ist – und wie stark sich zentrale Aufgaben verschieben werden. Die Szenarien verdeutlichen, dass Bibliotheken künftig eine noch wichtigere koordinierende, beratende und gestaltende Rolle im Wissenschaftssystem einnehmen können, die Infrastruktur und Forschung strategisch verbindet.
